Einige Fragen

Sie waren Ihr Leben lang journalistisch, also kreativ, tätig. War die Malerei immer schon die geheime Liebe?

Reporterkollegen von einst werden jetzt sauer sein – aber Journalistik ist eigentlich nicht besonders kreativ. Der Journalist recherchiert, beobachtet, lauscht, saugt auf und fängt an zu schreiben. Er ist eher ein Verräter als ein Künstler. Als – meinetwegen – kreativ empfinde ich schon eher, was ich in den letzten Jahren so machte: die Bücher; die Glossen und natürlich die Gedichte.
Aber was nun die geheime Liebe betrifft, so halte ich nicht viel von geheimen, gar unterdrückten und nicht ausgelebten Lieben. Um es kurz zu machen: Die Malerei war für mich immer schon eine Liebe, mit der ich ganz öffentlich liebäugelte – um es mal so zu sagen.

Ohne romantisch werden zu wollen: Ist Malen bei Ihnen ein emotionaler Vorgang, sprich das Loslösen "dunkler" Energien, oder die Fortführung Ihrer kreativen Möglichkeiten mit anderen Mitteln?

Nichts davon. Wichtiger sind für mich und meine Malerei: die Neugier, der Erfindungsreichtum, die Phantasie, der Mut zum Ausprobieren und die Tollkühnheit, sich hineinzustürzen. Das geht bei mir allerdings nicht ohne ein Gefühl für das Passende, Stimmige.

Wie entsteht ein Bild? Was ist das Movens, wo beginnen Sie? Mit einer festen Vorstellung vor Augen, oder lassen Sie sich eher vom "Flow" der Malaktivität mäanderartig vorantreiben?

Eine feste Vorstellung vor dem ersten Pinselstrich vermeide ich, so wie ich immer die feste Vorstellung vor dem angeblich so gefürchteten ersten Satz beim Schreiben mied. Das ist ja gerade das Abenteuer, vor einer weißen Leinwand oder vor einem leeren Blatt Papier zu warten, was KOMMT. Und danach: sich treiben lassen, sich hingeben, sich unterwerfen vom einzig möglichen Wort oder vom einzig möglichen Pinselstrich oder der einzig möglichen Farbe.

Ein paar Beispiele?
Mal stehe ich an der Hochwasser führenden Isar, die sich dahin schiebt wie verflüssigter Lehm, und ich gehe zurück an die Staffelei, weil sich dieses Lehmfarbene irgendwo anschmiegen will, und ich finde die Farbe dazu.
Mal will ich auf einem Schneerest ein wenig herumkratzen und hole mir dieses Gefühl später auf die Leinwand.
Mal wache ich in der Nacht auf, und ein bestimmtes Rot ruft danach, festgehalten zu werden, und ich mische eine Stunde lang herum, bis ich es habe, und ich grundiere die Leinwand und gehe wieder ins Bett und freue mich auf den Morgen wie auf jenen nach dem Heiligen Abend. Denn das Geschenk wartet ja schon auf mich.
Mal ist eine Stimmung hellgrau – und muss dabei keineswegs melancholisch oder gelangweilt sein. Eher anspruchsvoll und ein wenig arrogant. Mal poltern bunte Steine herein, mal zickt Schwarz mit Weiß; oder friedlich wie seit jeher kungeln Rot und Blau.

Betrachten Sie Ihre Malerei als ein Ihnen innewohnendes Weltbild, oder ist es noch zu früh in Ihrer Malergeschichte, um einen roten Faden entdecken zu können?

Das mir „innewohnende Weltbild“ finde ich dermaßen vielfältig, dass sein Outing schwerlich in nur eine Richtung weist. Ein roter Faden wäre für mich da wie eine Ankerkette, eine Fessel. Was sich jedoch bislang zeigt, ist meine Unlust, Szenen, Ereignisse, Historisches, Gefälliges und allzu Konkretes zu malen.
Aber das Weite, das Einzelgängerische, die Ruhe, das Klare, ein bisschen Sehnen, ein wenig Melancholie – das darf schon sein.

Würden Sie Ihre Arbeiten als eklektisch bezeichnen?

Ja, ohne dabei auf diverse „Schulen“ zurückgreifen zu wollen.
Aber auch zwischen Monochromem und mehrfarbig Getupftem, zwischen Versuchen mit zerknitterter Silberfolie und strenger Ordnung, zwischen Glätte und Struktur, Düsterem und Grellem kann ein Zusammenhang bestehen – wenn das Ganze in sich stimmt, wenn es der Maler gut findet und ihm das Bild gelungen erscheint. Mit der Zeit und im Vergleich erkennt das auch der Betrachter.

Wir kennen alle das Thema "Selbstverwirklichung". Wir kennen auch den Haut Goût, den dieser Begriff inzwischen hat. Zutreffend oder nicht?

Ich fühle mich ausreichend wirklich – wenn ich mit meinem Hund spiele, wenn ich Zahnschmerzen habe, wenn ich den ersten Schnee fallen sehe. Genügt Ihnen das?

Wo soll Sie die Reise der Malerei hinführen?

Wenn ich das jetzt schon wüsste, wäre es keine Abenteuertour.

Gibt es Bilder, die möglicherweise eine neue Ausrichtung aufzeigen?

Im Moment experimentiere ich mit neuen Gestaltungsmöglichkeiten. Ich habe mein Leben lang fotografiert. Bis vor etwa einem Jahr ganz konventionell analog. Dann habe ich mir eine kleine Digitalkamera zugelegt, die mir völlig neue Möglichkeiten bietet. Der ganze Vorgang läuft wesentlich spontaner ab: Fotografieren, die Bilder im Computer bearbeiten, Ausschnitte bestimmen, drucken, verwerfen, neu anfangen, zu einem Ergebnis kommen. Ich fotografiere hauptsächlich Strukturen, schrundige Baumrinden, Ästegestrüpp, lehmige Böschungen, Dinge, die in sich selbst schon einen hohen Grad der Abstraktion haben. Diese Fotos werden dann in den Prozess der Malerei integriert, sodass ein eigentümliches Amalgam von Realität und Informel entsteht. Im Moment bin ich von den Ergebnissen recht angetan.

Malerei: Also doch mehr als ein Hobby?

Ein Hobby habe ich noch nie gehabt. Alles, was ich je tat, war mehr als ein Hobby.